Lebensgemeinschaft für Menschen 
mit und ohne geistige Behinderungen

Zum 90. Geburtstag von Jean Vanier

Als Jean Vanier vor 54 Jahren in Frankreich die erste Arche gründete, war dies der Startschuss für das Entstehen von Lebensgemeinschaften für Menschen mit und ohne geistige Behinderung auf der ganzen Welt.

Zu Weihnachten 1963 besuchte Jean Vanier seinen geistlichen Begleiter, den Dominikanerpater Thomas Philippe, der damals gerade seinen Dienst als Hausgeistlicher in Val Fleuri, einem Heim für Menschen mit geistigen Behinderungen, in Trosly-Breuil nahe Paris. begonnen hatte. Dabei kam der frühere Marine-Offizier zum ersten Mal in engeren Kontakt mit Menschen mit Behinderungen: „Ich war tief beeindruckt von den Männern, die P. Thomas‘ Freunde geworden waren. Jeder von ihnen hatte so viel Leben, hatte so tief gelitten und dürstete so sehr nach Freundschaft. Mit jeder ihrer Gesten und jedem Wort fragten sie: Wirst du wiederkommen? Liebst du mich?“ P. Thomas schlug Vanier, der nach seiner Marinezeit immer noch auf der Suche nach seinem Platz im Leben war, vor, er könne hier vielleicht „etwas anfangen“. Und tatsächlich kehrte der damals 35-Jährige ein halbes Jahr später zurück, lud drei Männer aus einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung ein, mit ihm zu leben, und gründete so die erste Arche.

Jean Vanier, 1928 als viertes von fünf Kindern geboren, war als Sohn eines kanadischen Diplomaten in der Schweiz, Frankreich und England aufgewachsen. Er besuchte das College der britischen Marine in Dartmouth. Der Schule folgte eine achtjährige Karriere in der britischen, später kanadischen Marine. Doch Vanier entdeckte, dass seine Berufung mehr im geistlichen Leben liegt. Es folgten Jahre des Studiums in „Eau Vive“, einem Zentrum für theologische und spirituelle Bildung für Laien in Paris, in dem er seinen geistlichen Mentor, P. Thomas, kennenlernte, Aufenthalte in verschiedenen Klöstern und der Wunsch, Priester zu werden. Dann die Entscheidung gegen den Priesterberuf und seine Promotion in Philosophie. Es waren lange Jahre einer spirituellen Suche. Erst nach dem Weihnachtsbesuch bei P. Thomas 1963 und Besuchen in deprimierenden Anstalten für Menschen mit geistigen Behinderungen, in denen die Menschen in großen Schlafsälen unter chaotischen und gewalttätigen Bedingungen leben mussten, reifte Vaniers Entschluss, die Arche zu gründen. „Ich war offen und verfügbar; ich wollte Jesus folgen und dem Weg des Evangeliums“, sagt Jean Vanier über die Motive, die seinen Entschluss damals begleiteten. 

Hatte er zunächst das Ziel, den Menschen mit Behinderungen zu helfen, entdeckte er im Zusammenleben mit ihnen, dass er selbst von ihnen viel lernen konnte. Weder in seiner Familie noch in der Marine standen Beziehungsfähigkeit und emotionales Wachstum im Mittelpunkt. Bei den schwachen und armen „Behinderten“ lernte Jean Vanier, was Freundschaft bedeutet. Ihre offene Art der Kommunikation und unverstellte Zärtlichkeit beeindruckte den Mann, der bisher das Befehlen und Belehren gewohnt war. Er lernte, dass „jemanden zu lieben heißt, bereitwillig mit ihm Zeit zu verschwenden“. 

Schon damals vor mehr als 50 Jahren begann die Arche, die Idee der Inklusion zu verwirklichen, die heute zum allgemeinen Leitbild in der Behindertenhilfe geworden ist: Menschen mit Behinderungen bekommen Mitsprache, sie teilen ihr Leben und tauschen sich gleichberechtigt über ihre Erfahrungen aus, die Bewohnerinnen und Bewohner mit geistiger Behinderung werden auch an den Entscheidungen der Gemeinschaft beteiligt. 

Schnell wuchs die Zahl der Menschen mit geistigen Behinderungen, die in der Arche Aufnahme fanden. Und ebenso schnell wuchs die Zahl der freiwilligen Helferinnen und Helfer, die aus aller Welt nach Trosly kamen, um dort mitzuarbeiten und das Leben der Arche kennenzulernen. Viele von ihnen gründeten später selbst eine Arche, als sie in ihre Heimatländer zurückkehrten. So entstanden Arche-Gemeinschaften in Kanada, Indien, Dänemark, der Elfenbeinküste, Haiti und vielen anderen Ländern. Die erste Arche in Deutschland wurde 1985 eröffnet. 

Am Anfang war die Arche eine rein katholische Gemeinschaft. Doch als auch Protestanten und Anglikaner als Mitarbeiter in die Arche kamen, lernte der Katholik Vanier, die Angehörigen anderer Konfessionen als Schwestern und Brüder in Christus wahrzunehmen, mit denen er gemeinsam auf dem Weg war. In Indien kamen zu den Christen auch Muslime und Hindus in die Arche. Auch hier fand man Wege, das Gemeinsame zu betonen, gemeinsam zu beten und die Feste aller Religionen gemeinsam zu feiern. 

Im Jahr 1971 gründete Jean Vanier zudem gemeinsam mit der französischen Sonderpädagogin Marie-Hélène Matthieu die internationale Bewegung „Glaube und Licht“, in der sich Menschen mit geistigen Behinderungen, ihre Angehörigen und Freunde etwa monatlich treffen, um einander beim Gebet, Austausch und bei gemeinsamen Aktionen ihre Freundschaft wachsen zu lassen. Mittlerweile zählen 1500 Gruppen in 79 Ländern dazu. Auch das „Katimavic“, ökumenische Begegnungstage für Menschen mit und ohne Behinderungen, hat Jean Vanier begründet. Im deutschsprachigen Raum finden Katimavics regelmäßig in Süddeutschland und in der Schweiz statt. Die Arche ist heute mit mehr als 150 Gemeinschaften in 37 Ländern der Erde vertreten. Am 10. September wird der Gründer und Inspirator der Arche, Jean Vanier, 90 Jahre alt. 

(Text: Thomas Bastar)

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Kontakt und Ansprechpartner

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88212 Ravensburg
Telefon: 0751 35 28 76-0
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Gemeinschaftsleiterin: Franziska Rief

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